Leeuwarden

Friesland sei anders, als der Rest der Niederlande. Das habe ich oft gehört und ich muss sagen, es stimmt. Ich durfte dort zwei Wochen verbringen und habe mich direkt in die friesische Mentalität verliebt. Und die Region.

Fryslân

Friesland hat eine bewegte Geschichte und das merkt man sofort. Hier wird großen Wert auf Tradition, Kultur und vor allem Sprache gelegt. Denn in Friesland wird nicht nur Niederländisch gesprochen und geschrieben, sondern auch Frysk: Friesisch. Dann heißt Leeuwarden auch nicht mehr Leeuwarden, sondern Ljouwert. Und koffie heißt kofje.

Vielleicht habe ich dieses Bewusstsein auch nur verstärkt wahrgenommen, weil ich sehr viel im Fries Historisch en Letterkundig Centrum gearbeitet habe und Leeuwarden 2018 Kulturhauptstadt Europas war. Ich nehme an, dass deshalb in der ganzen Stadt Installationen und Plakate angebracht waren, die explizit auf die friesische Kultur und Sprachen verwiesen. Nichtsdestotrotz fand ich dieses Bewusstsein für die kulturelle Identität sehr toll. Und das nicht nur, weil es an jeder Ecke sûkerbole (Zuckerbrot) und tegels (Fließen) gab 😉

Leeuwarden

Friesland ist, historisch und topografisch bedingt, lange Zeit eine Region gewesen. Es gehörte schon seit dem 16. Jahrhundert zur Republik der Niederlande, war aber beispielsweise durch Fischerei und Keramikzentren ganz anders geprägt als Den Haag oder Amsterdam. Die größte Stadt der Provinz bedeutet nicht automatisch viele Einwohner. Und das merkt man bereits, wenn man mit dem Zug nach Leeuwarden möchte. Es geht, aber es dauert etwas. Utrecht ist dann doch ein bisschen zu weit weg. Und auch im Zug selbst wird es immer leerer, bis man dann schlussendlich in dem meist windigen Städtchen ankommt.

Sightseeing

Die Stadt ist vor allem eines: süß. Auch hier gibt es natürlich die typisch niederländischen Häuschen, wobei es sich in der Regel um rote Backsteingebäude handelt.

     

An denen meist rotblau-weiße Flaggen hängen, die Farben Frieslands. Auf dem Marktplatz direkt bei HEMA, Dreh- und Angelpunkt jeglichen niederländischen Shoppingtages, befindet sich noch das historische Waag-Gebäude. Frei stehend und nicht wie in einigen anderen Städten zugebaut.

Und auch ansonsten hat die Stadt noch einige historische Schmankerl zu bieten. Da wäre z.B. das Rathaus zu nennen, das auch besichtigt werden kann. Das Historisch Centrum Leeuwarden bietet dort (und auch allgemein in der Stadt) Führungen an.

     

Gegenüber dieses Zentrums liegen auch zwei weitere Attraktionen bzw. ein Wahrzeichen der Stadt, der Oldehove.

Dabei handelt es sich um einen nicht fertiggestellten Kirchenturm. Sozusagen der ‚fryske toren van Pisa‘ 😉 Schon während der Bauarbeiten im 16. Jahrhundert begann sich der Turm zu neigen und letzten Endes führte man den Bau an der eigentlich geplanten Kirche nicht weiter fort. So hat Leeuwarden ein besonderes Wahrzeichen erhalten, das man besuchen und auch besteigen kann.

In unmittelbarer Nähe befindet sich auch das Keramikmuseum Princessehof.

Den schönen Namen trägt das Museum aufgrund der ehemaligen Bewohnerin des Gebäudes: Maria-Louise von Hessen-Kassel, Gemahlin des friesischen Statthalters Johan Wilhelm Friso, die dort ab 1734 residierte. Das Museum widmet sich nicht nur Friesischer und Delfter Keramik sowie chinesischem Porzellan, sondern auch der Bedeutung von Keramik für die Provinz Friesland und modernem Kunsthandwerk.

Auch sehr sehenswert ist die Kanselarij, ein aus dem 16. Jahrhundert stammender Bau am Turfmarkt.

     

Etwas früher entstand die Blokhuispoort, die lange als Gefängnis genutzt wurde und heute als Kulturzentrum dient.

Aus einer ganz anderen Zeit stammt die wunderschöne Centraal Apotheek. Der Jugendstilbau in dem auffallend gelben Backstein entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

     

Natürlich gibt es in Leeuwarden auch Kirchen, unter denen vor allem zwei herausstechen. Bei der Grote oder Jacobijnerkerk handelt es sich um die Grablege der friesischen Statthalter, weshalb sie eine besondere historische Bedeutung hat. Leider war – kein Scherz – ein Flohmarkt IN der Kirche, als ich sie besichtigen wollte. Natürlich ist auch nur samstags geöffnet.

Daneben gibt es die von außen weitaus imposantere neogotische Bonifatiuskerk, die mich von innen allerdings nicht so ganz überzeugt hat.

     

Für all diejenigen, die noch mehr über die friesische Kultur erfahren möchten, gibt es das Fries Museum.

Wer sich darunter jetzt ein klassisches Stadtmuseum vorstellt, hat weit gefehlt. Innen präsentiert sich das Museum in neuer und bunter Aufstellung mit Objekten des 13. Jahrhunderts neben Werken der Moderne.

Aber Achtung: für den Besuch gibt es Zeitfenster, also am besten vorher online buchen. Übrigens befindet sich dort auch die Hindelooper kamer, eine Rekonstruktion eines friesischen Wohnhauses, die man im 19. Jahrhundert sogar auf der Pariser Weltausstellung präsentierte.

Friesische und nicht so friesische Küche

Friesland beinhaltet nicht nur eine eigene Sprache, sondern auch eine eigene Küche. Und die kann man auch in Leeuwarden genießen.

Bei Priuw gibt es ‚Friese streekproducten‘, also lokale Souvenirs sozusagen.

     

Dazu zählen z.B. Fryske dúmkes: Plätzchen mit Anis. Und auch Oranjekoek zählt zu den traditionellen friesischen Süßspeisen. Ganz besonders lecker fand ich allerdings Sûkerbole. Dabei handel es sich um Zuckerbrot aus Hefeteig, Zimt und Hagelzucker.

Frisch kann man das Zuckerbrot und andere traditionelle Speisen im Het Broodhuys bekommen.

Die Backwaren stammen dabei von der Banketbakkerij Salverda. Tipp: am besten das Zuckerbrot ohne Likör bestellen (Fryske kofje complet). Der ist nämlich einfach viel zu süß.

Wer nach dem ganzen Süßkram mal etwas Gesunderes zu sich nehmen möchte, der wird in Leeuwarden auch fündig.

In der Fruitbar Sis gibt es nicht nur leckere Smoothies und Säfte, sondern auch kleinere Snacks wie Bowls, Granola und Co. Alles frisch zubereitet und ohne Industriezucker.

Nicht weit davon entfernt liegt Bahns & Coffee wo ihr, wie der Name schon verrät, vietnamesische Sandwichs bekommt. Auch in veganen Varianten mit Tempeh.

Und auch bei Broodje bewust gibt es ein kleines Angebot an veganen ‚belegde broodjes‘. Und für die sich nicht vegan ernährende Begleitung ein Stück hausgemachten Apfelkuchen 😉

Sowieso fand ich es nach kurzer Zeit sehr einfach, vegane Alternativen zu finden. Das hat mich echt überrascht, normalerweise springen etwas ‚hippere‘ Städte ja schneller auf den Zug auf.

Die besten Pommes während meines Niederlandeaufenthalts habe ich auch deshalb auch bei Friestudio bekommen. Das waren zwar keine klassischen Fritjes aus Kartoffeln, sondern aus Süßkartoffeln. Aber ich liebe frietjes oorlog (Krieg): Fritten mit einer Kombi aus Majo und Erdnuss-/Satésoße mit rohen Zwiebeln drauf.

Jap, richtig gelesen. Muss man mögen. I do. Und im Frietstudio gibt es nicht nur super leckere Süßkartoffelpommes, sondern auch vegane Majo. Und Oorlog. Kurz: Jackpot.

Komplett vegan geht es bei Dr. Plant zu und das ist auch wirklich eine Empfehlung. Der kleine Stand am Wasser gelegen bietet eine kleine Karte aus Burgern, Suppen, belegten Broten und Kuchen.

     

Geführt wird das Bistro mit viel Herz und das merkt man auch den Speisen an. Unbedingt die Erdnusssuppe probieren, richtig lecker und ideal nach einem Spaziergang im Herbst!

Leuke winkeltjes

Natürlich hat Leeuwarden auch schöne Lädchen zu bieten.

Besonders verliebt habe ich mich in Mevrouw Dientje. Dort gibt es alles rund um Pflanzen, ein bisschen Deko und Papeterie. Dschungelfeeling inklusive.

     

Mein Herz für handgefertigte Keramik konnte ich bei Lies Kermamiek stillen. Das Atelier sitzt in einer der Werkstätten der Blokhuispoort.

Aber auch woanders kann man diese erwerben. Zum Beispiel in meinem absoluten Lieblingsladen/Café/Verweilort: NØRD.

Der von zwei unglaublich netten und herzlichen Besitzern geführte Conceptstore bietet eine kleine Ecke mit Specialtycoffee, Interior, Pflanzen, Kermamik und Kinderspielzeug an

Eine bunte Mischung, mit viel Liebe zum Detail ausgewählt und präsentiert. Dort habe ich übrigens auch Seifen von Zeeplokaal in Utrecht gekauft.

Die Gesichtsseife mit Aktivkohle und Teebaumöl ist einfach mal richtig gut und super ergiebig!

Wer nicht nur shoppen, sondern sich auch entspannen möchte, der bestellt sich einen Kaffee/Tee und ein Stückchen Kuchen und nimmt auf der wunderschönen Couch am Schaufenster platz.

Leeuwarden ist beim besten Willen keine Party- oder Studentenstadt. Aber ein richtig schönes Städtchen mit viel Tradition, tollem kulturellen Angebot und unglaublich netten Bewohnern.

 

 

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